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Do, 19. Mär. 2026

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News - BurgdorfERleben

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Lila Buttons, Diskokugeln und klare Forderungen

Rund 100 Menschen versammelten sich am 9. März auf dem Spittaplatz in Burgdorf – und setzten ein starkes Zeichen für Gleichstellung, Solidarität und feministische Politik.

Der Spittaplatz war an diesem Montagnachmittag kaum wiederzuerkennen. Infoplakate zu Feminismus, Patriarchat und Gender Gaps säumten den Platz. Am Rand spannte sich eine Wäscheleine, an der Zettel hingen – zum Beispiel mit der ernüchternden Erkenntnis: „Untersuchungen aus Deutschland zeigen: Ehen gelten als statistisch stabiler, je weniger die Ehefrau verdient.“ Dazwischen: Diskokugeln, die in der Märzsonne funkelten, ein buntes Kindereck mit Basteln und Malen – und Wickenthies leistet heute Care-Arbeit: ein Baby in der Trage, umgeben von verstreuten Windeln. Vor ihm ein Schild: „Meine Frau streikt heute auch!“

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Fast alle Besucherinnen trugen lila Buttons mit der Aufschrift „Stell dir vor, ich würde heute streiken“ – eine stille, aber deutliche Botschaft. Das Frauen- und Mütterzentrum hatte einen Parcours zu Hürden und Benachteiligungen von Frauen aufgebaut und stand für Gespräche bereit.

Eingeleitet wurde die Kundgebung durch Laura Schomaker von Burgdorf ist bunt, die persönlich und eindringlich von ihren eigenen Gründen für den Streik sprach – von Wut, von Frust und davon, dass beides auf viele zutrifft. „Viele wollen nicht einfach so weitermachen und stillschweigend die erdrückende Last tragen. Viele suchen nach Verbindung unter Frauen und werden lauter. Und das ist gut so.“

Danach stellte Berenike Nädler von der Orgagruppe die entscheidende Frage in den Raum: Was wäre, wenn nicht eine einzelne Berufsgruppe streikt – sondern eine Bevölkerungsgruppe, die die Hälfte der Menschen ausmacht? „Was, wenn alle Frauen nicht mehr arbeiten – und zwar nicht nur nicht zur Arbeit gehen, sondern jede Form von unbezahlter Arbeit einstellen?“ 

Einzelne Frauen der Gruppe, die aus Mitgliedern von Burgdorf ist bunt! e.V. und über das Töchterkollektiv dazu gestoßene Frauen besteht, brachten konkrete Bilder: unversorgte Kinder, Männer, die nicht arbeiten könnten, Eltern, die nicht gepflegt werden, Arbeit, die schlicht liegen bleibt.

Besonders eindrücklich war der Privilegiencheck: Alle Teilnehmenden hielten die Faust in die Höhe und streckten bei jeder zutreffenden Aussage einen Finger aus. Wer hatte schon einmal Angst auf dem Nachhauseweg? Wer hat wegen Sorgearbeit beruflich zurückgesteckt? Wer hat sexistisches Verhalten erlebt und geschwiegen? Wer hat weniger Rentenanspüche? Die Unterschiede zwischen den Frauen und Männern im Publikum waren sichtbar – und bewegend.

Anja Seidel leitete anschließend die feministische Wissensrunde „Wissen ist Widerstand“. Drei Teilnehmerinnen schätzten Zahlen zu verblüffenden Fragen – und die Antworten hatten es in sich: Bis zur weltweiten wirtschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern dauert es laut aktuellem Bericht noch 123 Jahre. Nur 10–15 % der Straßen sind nach Frauen benannt – unsere Städte erzählen vor allem Männergeschichte. Und: Im Jahr 2026 haben Frauen statistisch gesehen 58 Tage umsonst gearbeitet. Das nennt man(n) den Gender Pay Gap.

Yvonne Marchewitz, die als vom Bundesamt für Migration und Flucht zugelassene Lehrkraft Integrations- und Sprachkurse gibt, machte auf die Situation der Lehrkräfte von Integrationskursen aufmerksam. Die Streichung dieser Kurse treffe nicht nur die Frauen mit Migrationshintergrund, sondern auch hochqualifizierte Lehrkräfte wie Marchewitz selbst. Diese seien oft prekär angestellt und drohten in die Armut abzurutschen, wenn ihnen die Lebensgrundlage entzogen werde.

Isabel Rojas von der GEW brachte mit einem Poetry Slam zum Frauenstreik Worte, die unter die Haut gingen: „Heute ist kein Tag für leise Worte - heute klingt die Welt nach mehr. Wir sind keine Randnotiz in eurer alten Norm - wir sind die Hälfte dieser Welt, wir verändern jetzt die Form.“

Antonia Josefa, die nicht persönlich anwesend sein konnte, schickte ihren eindringlichen Text als Aufnahme über den Spittaplatz und sorgte so für Gänsehautmomente.

Dazu passend schloss Laura Schomaker von Burgdorf ist bunt die Kundgebung mit einem unmissverständlichen Forderungskatalog:

* Mehr Geld und faire Bezahlung für Sorgeberufe

* Abgesicherte Sorgezeiten

* Schutzräume für alle – und Prävention, die Täter in die Pflicht nimmt

* Gleichstellung für alle Frauen: Migrantinnen, Frauen mit Behinderung, queere Frauen, Frauen aus prекären Verhältnissen

* Echte Wertschätzung – jeden Tag, nicht nur am Muttertag oder Weltfrauentag

Solidarität als Fundament

„Und zu guter Letzt brauchen wir Solidarität“ – dieser Satz hallte nach. Es brauche nicht nur den Zusammenschluss von Frauen, um aus der Vereinzelung herauszukommen. Es brauche auch Männer, die sich klar positionieren: die nicht schweigen, nicht mitlachen, nicht wegschauen. Denn: Das aktuelle System schadet am Ende allen.

Ergänzend bot ein feministischer Büchertisch – ermöglicht durch die Unterstützung von der Buchhandlung Freyraum – Raum zum Stöbern und Kaufen. Empfehlenswerte Titel wie „Was wollt ihr denn noch alles?“ von Alexandra Zykunov oder „Unlearn Patriarchy“ fanden interessierte Leserinnen.

Rund 100 Menschen kamen an diesem Nachmittag auf den Spittaplatz – und gingen mit dem Gefühl, nicht allein zu sein. Die Stimmung war wunderbar, stärkend, voller inspirierender Gespräche und neuer Kontakte. Der Frauenstreik in Burgdorf hat gezeigt: Die Frauen werden lauter. Und das ist gut so.

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