Do, 24. Sep. 2026
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Wenn Buchstaben Türen öffnen: In den Alphabetisierungskursen des Mehrgenerationenhauses lernen Frauen lesen, schreiben und rechnen
Jeden Dienstag- und Donnerstagvormittag sitzen im Burgdorfer Mehrgenerationenhaus bis zu zehn Frauen zwischen 20 und 60 Jahren zusammen und üben, was für viele andere selbstverständlich ist: lesen, schreiben, rechnen. Die Frauen stammen überwiegend aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Ihr Ziel ist es, ihren Alltag eigenständig zu bewältigen und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen zu können.
Damit sind sie nicht allein. Bundesweit können rund 6,2 Millionen Erwachsene nur eingeschränkt oder überhaupt nicht lesen und schreiben. Für sie bietet das Burgdorfer Mehrgenerationenhaus seit einigen Jahren sogenannte Alphabetisierungskurse an. Geleitet werden sie von der pensionierten Lehrerin Barbara Boos, die ihre Schülerinnen mit viel Geduld und persönlichem Einsatz zum Weiterlernen motiviert.
Eine Kursteilnehmerin ist Roshan, Mutter von drei Kindern im Grundschulalter. Sie hat selbst nie eine Schule besucht und tat sich am Anfang schwer, dem Unterricht zu folgen. Mittlerweile lernt sie engagiert neben Haushalt und Kinderbetreuung – und ist überzeugt, dass ihr der Kurs schon viel gebracht hat. Auch ihr Mann sei stolz auf ihre Fortschritte.
Die Kurse richten sich an alle, die zwar Deutsch sprechen, aber nicht oder nur schwer schreiben und sinnerfassend lesen können. Manche Teilnehmenden können in ihrer Muttersprache lesen und schreiben, andere haben nie eine Schule besucht und können kaum ihren eigenen Namen buchstabieren. Mit wachsenden Fähigkeiten steigt bei vielen auch das Selbstbewusstsein – häufig entdecken sie dabei neue Interessen und Talente und es öffnen sich neue Türen und Perspektiven.
Speziell für Mütter mit kleinen Kindern gibt es außerdem zwei Mutter-Kind-Kurse, die täglich von jeweils zwölf Frauen mit ihren Kindern besucht werden. Während die Mütter typische Alltagssituationen im Umgang mit Behörden, Schule oder Ämtern üben, sammeln ihre Kinder erste Erfahrungen mit der deutschen Sprache und mit einer Betreuung außerhalb der Familie – eine gute Vorbereitung auf den Kindergarten.
Nicht nur Menschen mit wenig Deutschkenntnissen profitieren von den Angeboten des Mehrgenerationenhauses. Auch Eltern, die die deutsche Schriftsprache eigentlich gut beherrschen, holen sich hier Rat, wenn es um komplizierte Schreiben von Behörden, Versicherungen, Schulen oder Kindergärten geht. Mit Übersetzungen und Beratungsgesprächen helfen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei, solche Texte zu verstehen.
Ins Leben gerufen wurden die Alpha-Kurse im Rahmen der bundesweiten „Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“. Über das Bundesprogramm Mehrgenerationenhäuser konnte der Verein zusätzliche Fördermittel des Bundesfamilienministeriums einwerben. In den Anfangsjahren hat vor allem Brigitte Brauer die Kurse mit aufgebaut. Inzwischen ist daraus ein differenziertes Angebot geworden, das sich an den unterschiedlichen Vorkenntnissen und Lernzielen der Teilnehmenden orientiert.
Für die Zukunft gibt es allerdings eine offene Frage: Die Förderdekade läuft im Dezember aus, und mit ihr endet die bisherige Finanzierung für diesen Bereich. Ob und in welcher Form die Alphabetisierungskurse im Burgdorfer Mehrgenerationenhaus danach fortgeführt werden können, ist derzeit noch nicht geklärt.